Der rote Faden in unserem Leben: Bindung

Bindung ist ein essentielles menschliches Bedürfnis. Kinder, die eine sichere Bindung zu ihren Eltern aufbauen können, profitieren davon ihr ganzes Leben lang. Nach der Theorie des britischen Psychoanalytikers John Bowlby ist Bindung ein enges, gefühltes Band zwischen dem Kind und ihm vertrauten Menschen, das für das Kind sein Leben lang sehr bedeutend ist. Das Bedürfnis nach Bindung begleitet uns von der Geburt bis zum Tod. Der Säugling kann ohne Bindung nicht überleben; Sehr kleine Kinder sterben, wenn man ihnen beispielsweise Körperkontakt verweigert.

Förderung einer sicheren Bindung

Wichtig ist nicht nur die blosse Verbindung von Kind und Bezugspersonen, sondern die sichere Bindung, welche massgeblich von der Feinfühligkeit und Empathie der Bezugspersonen bestimmt wird. Vom Kind wird die Empathie dadurch wahrgenommen, dass seine Eltern beispielsweise rasch auf seine Bedürfnisse reagieren.

Feinfühligkeit äussert sich dabei durch die Sprache, den Sprachrhythmus, Blickkontakt und die Berührung.

Erkundung- und Bindungsverhalten

Von Geburt an versucht das Kind, Hilflosigkeit und Ohnmacht zu vermeiden. Dies tut es als Baby vorwiegend durch Schreien, später durch komplexere Kommunikationsformen. Fürsorge und Geborgenheit, aber auch Auskundschaften und Erleben der Umwelt sind für die kindliche Entwicklung maßgeblich – Dinge, die das Kind aber nur tun kann, wenn es sich sicher fühlt. Bei Unsicherheit und Angst versucht das Kind, durch Schreien einen Kontakt mit den Eltern herzustellen, um Trost und Sicherheit zu erfahren. Daraus lässt sich ableiten ableiten: Je stärker das Bindungsverhalten (Weinen), desto schwächer ist das Explorationsverhalten (eigenständiges Erkunden, von den Eltern entfernen) und je stärker das Explorationsverhalten, desto schwächer die Notwendigkeit des Bindungsverhaltens.

Bindungsqualitäten

Mary Ainsworth fand heraus, dass grosse individuelle Unterschiede bestehen, wann Kinder Explorationsverhalten und wann sie Bindungsverhalten zeigen. Kinder verhalten sich anders, je nachdem ob sie eine vertraute oder eine unvertraute Umgebung erkunden. Unbekanntes erzeugt mehr Unsicherheit und damit auch stärkeres Bindungsverhalten als Vertrautes.

Ainsworth definierte drei voneinander abgrenzbare kindliche Verhaltensarten:

  1. Bindungstyp A: Die unsicher-vermeidende Bindung
  2. Bindungstyp B: Die sichere Bindung
  3. Bindungstyp C: Die unsicher-ambivalente Bindung

Diese wurden später durch die Psychologin Mary Main (*1943) durch den 4. Bindungstyp ergänzt:

  1. Bindungstyp D: Die unsicher-desorganisierte Bindung

Bedeutsamkeit von sicheren Bindung

Sicher ist, dass die Basis für psychische Gesundheit bereits im frühkindlichen Alter gelegt wird.

Nach Bowlbys Erkenntnissen sind Kinder mit einer sicheren Bindung eher in der Lage, emotionalen Stress zu bewältigen, Aufgaben aufmerksam zu lösen und allgemein Probleme konstruktiv anzugehen. Das Selbstwertgefühl, Neugierde, Erkundungs- und Spieldrang sowie ein zielführendes Sozialverhalten sind nach Bowlby besser ausgebildet durch eine sichere Bindung. Menschen mit einer solchen Bindung profitieren auch im hohen Alter davon, unter anderem durch eine erhöhte Kreativität, Belastbarkeit, Flexibilität, Gedächtnisleistung und Empathiefähigkeit.

Evrim Yilmaz
Fachpsychologin für Psychotherapie