Bindung, Frühtraumatisierung und die Folgen für unsere Kinder (am Beispiel eines Adoptivkindes)

1. Bindung und Bindungsstörung (J. Bowlby)

“Affektive Bindung bezeichnet die Anziehungskraft, die ein Individuum für ein anderes Individuum besitzt.” Das heisst: Das typische Suchen nach Nähe.
Bindung ist für den Menschen der Nährboden, auf dem seine späteren Kompetenzen reifen!

1a) die 3 Bindungstypen (M. Ainsworth)

  • Sicher gebunden
  • unsicher-vermeidend gebunden
  • unsicher-ambivalent gebunden
  • unsicher-desorganisiert gebunden (vergl. Britsch)

2. seelische Verletzung / seelisches Trauma

Die seelische Verletzung geschieht im täglichen Umgang zwischen den Menschen. -das seelische Trauma entsteht durch ein Ereignis, das uns komplett überfordert.

2a) Frühtraumatisierung

Die Frühtraumatisierung wächst sich nicht aus! von einer Frühtraumatisierung sprechen wir bei einem Trauma, das zwischen der Keimanlage im Mutterleib und dem 3. Lebensjahr entsteht.

Traumen können entstehen durch (nicht vollständig):

  • Trennung von der Mutter nach der Geburt
  • Liebesentzug und fehlende Wärme
  • fehlende Befriedigung der Grundbedürfnisse (Deprivation)
  • Misshandlung, Missbrauch, schwere Verwahrlosung
  • und vergessen wir nicht: auch eine Scheidung kann zu einem Trauma führen!

3. Folgen der Frühtraumatisierung

  • Aggressives, störendes Verhalten, Hyperaktivität (kein ADHS!)
  • in der Schule Lernverweigerung (keine geistige Behinderung!)
  • sehr ambivalentes Bindungsverhalten: sucht Nähe, stosst ab
  • Übertragung seiner traumatischen Geschichte

Entwicklung von Überlebensstrategien:

  1. Angstbeseitigung durch Angreifen, sich tot stellen / wegrennen
  2. Verdrängen der Angst durch Ablenken auf “Nebenschauplätze”
  3. Kontrolle und Macht
  4. Anstrengungsverweigerung: weil es als Säugling gelernt hat, dass seine Anstrengung nicht belohnt wurde! (diese Kinder sind nicht faul!)

4. Was brauchen sie von uns Erwachsenen und von der Schule

  • keine weiteren Trennungserfahrungen, keine Trigger (Achtung Retraumatisierung)
  • eine wohlwollende, annehmende und liebevolle Grundhaltung, auch bei störendem, zerstörerischem Verhalten: das Negative ignorieren, das Positive stützen!
  • festen, klaren Rahmen, liebende Autorität / Konsequenz bis am Schluss
  • Einfühlung, Konstanz / Rituale und gleich bleibende Tagesabläufe
  • Ruhe und Zeit / keinen Druck und keine Ausgrenzung! sondern POSITIVER ERFOLG!
  • wenig Medienkonsum: um den Stresslevel zu senken!
  • Hilfe, damit Anstrengung gelernt werden kann.

Brigitte Kägi-Diener
Partner-, Paar- und Familienberaterin
www.paar-familienberatung.ch